Es erwischt mich wieder wie ein Schlag mit dem Holzbrett. Mitten auf den Hinterkopf. Wie eine Welle überrollt es mich, ohne das ich es auch nur ansatzweise kontrollieren könnte.

Die Worte der Lieblingsärztin schallen wieder in meinen Ohren. Sie überschlagen sich gerade, klingeln laut, schreien mich an. Sie klingen wie viel zu laute Musik, die ich gerne leiser drehen würde, was ich aber nicht kann, weil ich den Regler nicht finde. Sie schlagen mich wie Peitschen, doch ich kann nicht schreien, weil der Schmerz mir bereits die Stimme genommen hat.

„Das ist Käse!“ „Lauf‘ keinem Phantom hinterher!“ „Das ist viel zu schwer für dich!“  „Bleib‘ realistisch!“ „Wenn du nicht als Medizinerin im Büro eines Pharmakonzerns enden willst – lass es!“ „Wie willst du denn anderen Menschen helfen, wenn du selber eingeschränkt bist?“

Ich fühle mich wie taub. Schon wieder. Ich dachte, ich hätte damit nach fast 7 Monaten endlich abgeschlossen, doch dem ist nicht so, wie ich gerade feststellen musste. Es sitzt einfach zu tief, um es vergessen zu können. Es reicht nur, um es zu verdrängen.

Ich sitze im Transport zur Schule, tippe diesen Text beinahe kopflos in die Handy-App. „Waldbrand“ von Madeline Juno spielen meine Kopfhörer in Dauerschleife, um die Worte zu übertönen, was aber nicht funktioniert. Einen Tweet, der meine Lage hilflos versucht in Form eines Songs zu erklären, habe ich mittlerweile auch abgesetzt. Ich bin nicht in der Lage, klar zu denken. Geradeaus zu denken. Ich kann nicht mal weinen oder schreien; es tobt so dermaßen in mir, dass ich mich wie gelähmt fühle.

Ich weiß, dass mir dieser Post heute Abend leidtun wird, aber ich werde ihn dennoch posten. In der Hoffnung, dass sie es liest und begreift, wie sehr es mich getroffen hat, was sie mir sagte. Falls sie es nicht schon begriffen hat.

Ich versuche, den Tag heute herumzukriegen. Er startet ja schon scheiße, was soll noch passieren? Mein Hunger ist auf jeden Fall schon mit meinem Selbstwertgefühl in den Keller gewandert. Mir ist schlecht. Mein Magen dreht sich auf links, mein Kopf dröhnt, als würde ein Presslufthammer darin arbeiten. Die Ohnmacht in mir verschwindet nicht.

Meinen Gefühlszustand kann ich derzeit nicht zuordnen. Es ist irgendetwas, das ich so nicht kenne: Wut, Traurigkeit, Beklemmung und Taubheit zugleich. Es ist mir einfach fremd. Ich bin mir gerade fremd.

Wegen einiger Worte. Wegen ein paar verdammten Worten, die mir den Boden unter den Füßen nehmen. Die Luft zum Atmen rauben.

Bei dem Gedanken, sie in zwei Monaten wiedersehen zu müssen, wird mir immer schlechter. Ich kann nicht glauben, dass ich das mal schreibe.

Ich kenne sie seit 14 Jahren. Seit 14 Jahren. Sie hat mich teilweise mit aufwachsen sehen. Sie hat mich fallen und wieder aufstehen sehen. Sie hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, wenn ich allein im Krankenhaus war, sobald sie mein Zimmer betrat.

Sie ist der verdammte Grund dafür, dass ich Ärztin werden will und ist der verdammte Grund für meine derzeitige Gefühlslage!

Ich versuche zum x-ten Mal, diesen Artikel zu Ende zu bringen. Ich bringe ihn jetzt einfach zu Ende, weil ich keine Zeit mehr habe. Ich hoffe, ich belaste euch jetzt nicht zu sehr mit meinem Seelenleben, aber das musste einfach raus. Danke fürs Zuendelesen! ♥

Wheelie

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5 Gedanken zu “Kopflos

  1. Liebe Wheelie,Was Du jetzt brauchst sind Menschen, die in Dir den Menschen und nicht die Behinderung sehen. Und wenn Dich der bevorstehende Termin bei Deiner Ärztin so mitnimmt, dann solltest Du ihr mal einen direkten Brief Schreiben. Vielleicht ist ihr gar nicht klar wie sehr Dich das letzte Gespräch verletzt hat.

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  2. Liebste Wheelie! Lass dich bitte nicht unterkriegen! Träume sind dazu da, damit man sie verwirklicht! Ich werde dir einen Link posten, von dem ich hoffe, dass er dir sehr viel Mut machen wird, deinen Traum weiter zu verfolgen!

    http://www.ovgu.de/Alumni/Karrierewege/Assistenz%C3%A4rztin+in+der+P%C3%A4diatrie.html?highlight=joana

    Auch ich hatte Zweifel im Studium wenn Klausuren nicht funktioniert haben, ich hatte dann das Gefühl ich sei nicht intelligent genug oder sowas. Halte einfach durch und kämpfe für deinen Traum!

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  3. Glaub mir, ich kann dich wirklich gut verstehen. Auch wenn unsre Situationen zwei vollkommen verschiedene sind. Fühl dich gedrückt.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass wenn man etwas nur stark genug will, es auch klappt.
    Ich weis nicht, ob das etwas für dich ist, aber bei youtube gab es mal ne Reportage über einen Arzt im Rollstuhl kann mich nur nicht mehr an den Namen erinnern.

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  4. Medizin ist grundsätzlich schwer und anspruchsvoll. So what. Gibt auch ÄrztInnen, die mit den Füßen operieren mangels brauchbarer Arme.

    Dein Handicap mag vielleicht unpraktisch sein. Ob Du es deswegen nicht schaffst, erfährst Du aber nur, wenn Du es versuchst. Lass Dich nicht davon abbringen. Und hau in ein paar jahren diesen Leuten Deine Approbation um die Ohren.

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  5. http://www.mz-web.de/halle-saale/frank-roehrich-vom-klinikum-bergmannstrost-halle-dieser-chirurg-operiert-im-rollstuhl-23284712

    Und ich wiederhole mich: es hat was mit ihr zu tun, dass sie so redet, nicht mit Dir!! Das hilft Dir jetzt erstmal nicht, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass sie Probleme hat. Vielleicht fehlt ihr die Anerkennung der eigenen Eltern? Und da kommt so eine „Behinderte“ daher und will doch tatsächlich das gleiche…

    Lass sie, es ist ihr Abgrund, nicht Deiner, geh Deinen weg und sag, wenn Du fertig bist, dann hast Du eine neue Patientin ❤️

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