Die Meinung der Anderen

Ich pfeife eigentlich darauf, was andere Menschen über meinen Traum – das Medizinstudium – denken. Es ist mir piepegal, denn ich weiß, dass ich mich durchkämpfen werde, um mein Ziel zu erreichen.

Es gibt nur eine einzige Person auf dieser Erde, deren Meinung mir bezüglich dieser Sache sehr wichtig ist – und das ist die Lieblingsärztin.

Und grade sie hat mir einen „Tritt vor das Schienbein“ verpasst.

Wir hatten uns an meinem Entlassungstag vor ca. 2 Monaten nochmal unterhalten. Zum Abschied, wie immer. Es schien eigentlich auch – wie immer – ein lockeres und witziges Gespräch zu werden, dachte ich. Jedoch weit gefehlt. Es war nichts wie immer.

Ich hatte mir schon am Abend zuvor die Augen ausgeheult, weil ich nicht verstand, warum sie mir am Tag vor der OP das freie Gehen verboten hat – obwohl sie mich im Oktober 2015 dazu ermutigte. Zudem sagte sie mir, dass ich mich damit abfinden müsse, dass mein linkes Bein spinnt. Man kann wohl nichts mehr machen – es klang so, als sollte ich aufgeben und das kann und will ich nicht. Doch etwas dagegen sagen konnte ich nicht. Ich hatte alles geschluckt, doch ich konnte nicht mehr. Denn es brachen auch andere Wunden wieder auf.

Sie versprach meinen Eltern und mir einst, dass ich mal besser laufen werde, als man sich das vorstellen könnte. Und wir glaubten ihr. Sie operierte mich viermal. Dreimal ohne großen Erfolg. Einmal mit großem Erfolg, der mir dann aber eingeschränkt werden sollte. Ich wurde dreimal unnötig gequält und Schmerzen ausgesetzt, die mitunter unerträglich waren. Und das hinterließ nicht nur Narben an den Beinen…

Trotzdem verehrte ich diese Frau wahnsinnig. Ich schaute zu ihr auf und dachte ernsthaft, sie könnte ein Vorbild für mich sein. Bis ich im Gespräch mit ihr schmerzlich erkennen musste, dass sie es nicht ist. Oder?

Um genau rauszufinden, warum ich nicht frei laufen sollte und warum meinem linken Bein nicht mehr zu helfen ist, wollte ich an meinem Entlassungstag mit ihr sprechen. Sie kam mir allerdings zuvor, denn sie wollte sich noch von mir verabschieden. Doch schon, als die Mutter meiner Zimmergenossin – die meine Zusammenbrüche mitbekam – den Raum verließ, merkte die Lieblingsärztin, dass etwas nicht stimmt.

Ich fragte sie direkt, warum man meinem linken Bein nicht helfen kann, worauf sie antwortete, dass es neurologisch wäre und sie deshalb nichts mehr tun könne. Gut. Geklärt.

Ab diesem Moment verschwimmen meine Erinnerungen an dieses Gespräch leicht. Bis zum Punkt, an dem ich ihr stolz – zum x-ten Mal übrigens – eröffnete, dass ich nach dem Abi – wenn ich den notwendigen NC erreiche – Medizin studieren möchte.

Es entstand ein kurzes Schweigen. Dann fing die Lieblingsärztin an, mich und meinen Traum zu zerschießen. Es sei Käse, ich solle keinem Phantom hinterher rennen, ich würde es nicht schaffen, ich sei doch klug; ich soll realistisch sein, wenn ich nicht als Medizinerin im Büro eines Pharmakonzerns enden will, sie müsse mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Ich solle mich an die Berufs-/Studienberatung für Behinderte wenden, wenn es soweit ist. Und überhaupt: Wie soll ich denn anderen Menschen helfen, wenn ich selbst eine Einschränkung habe?

Dies ist nur eine Auswahl der Worte. Es fühlte sich an, als würde mir jemand ein Messer in den Bauch rammen und es einmal umdrehen. Diese Worte von der Frau, für die ich immer meine Hand ins Feuer gelegt hätte und die mich erst zu meinem Berufswunsch brachte, waren schmerzhafter als alle OP’s zusammen. Mir stiegen Tränen in die Augen. Ich wollte sie anschreien und sie fragen, ob sie weiß, was sie mir mit ihren Aussagen angetan hat. Doch ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt und versuchte, mein Gesicht zu wahren, nicht loszuheulen und die Kontrolle nicht zu verlieren.

Es war wie eine Erlösung, als sie sich von mir verabschiedete und den Raum verließ, denn zum Schluss machte mich ihre Anwesenheit nur noch krank. Ich fing an zu weinen, ich konnte nicht mehr. Mein Bild von ihr zerbrach. Aus Verehrung wurde Wut und Traurigkeit. Doch damit warf sich auch ein Schalter in meinem Kopf um. „Jetzt erst recht! Ich zeig‘ es ihr!“ wurde wenige Tage und zahlreiche Heulkrämpfe später aus der Wut. Mein Kampfgeist war wieder da.

Trotzdem wurde mir nicht klar, warum sie mich so zerstören musste. Es ist mir jetzt auch noch nicht ganz klar, aber vielleicht habe ich einen Grund gefunden, auch wenn dieser nicht ganz ihre Reaktion erklären würde:

Sie schien mir leicht überarbeitet gewesen zu sein. Müde, kaputt. Und dann kam ich und sagte, dass ich mir die „Strapazen“ des Medizinstudiums und des Arztberufes freiwillig antun will. Plötzlich sah sie die kleine Wheelie wieder vor sich, erkannte ihre eigene Situation und wollte die „Kleine“ schützen, damit sie sich nicht auch so kaputt macht. Kurz: Projektion der eigenen Situation auf andere bzw. auf mich.

Trotzdem erklärt dies noch immer nicht ihr Verhalten. Vielleicht wird es mir bei unserer nächsten Begegnung erklärbar sein. Vielleicht auch nicht.

Auf jeden Fall ist nichts mehr so, wie es war. Ich denke nun anders über die Lieblingsärztin. Und nun weiß ich auch: Die Meinung der Anderen ist mir doch nicht so egal, wie ich dachte. Wenn diese Meinung bestimmten Personen gehört.

Wheelie

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7 Gedanken zu “Die Meinung der Anderen

  1. Also mit Projektion hast Du schon Recht, aber es geht nicht um Schutz, um Dich schützen, es geht um Anerkennung. Du hast immer zu ihr aufgeschaut, das hat sie natürlich gespürt. Das ist ja auch ein schönes Gefühl. Und jetzt will dieses kleine behinderte Mädchen doch tatsächlich genauso großartig werden…
    Neid, glaub mir, auch wenn es unglaublich klingt, aber da spielt Neid eine Rolle. Wenn sie so sicher wäre, dass man es mit ohne richtig funktionierendem Bein nicht schaffen kann, dann hätte sie einfach schweigen können und alles hätte sich von selbst geregelt.
    NATÜRLICH KANNST DU MEDIZIN STUDIEREN!! Du bist nicht klein und behindert. Du bist großartig!! Du hast einen Traum!! Du arbeitest an seiner Erfüllung!! Du hast eine körperliche Beeinträchtigung. So what? Die haben viele. Schreibe Dich für Medizin ein, wenn Du den NC schaffst und dann studiere einfach.
    Kennst Du die Brüder Schockemöhle? Erfolgreiche Springreiter, der jüngere, mittlerweile auch älter, sogar der bislang erfolgreichste, ich glaube der war es auch, dem ein Arzt riet, nie zu reiten, wegen seines Rückens. Und das hat ihn so gefuchst, dass er es gemacht hat. Und was ist draus geworden?
    Das kannst Du auch!!
    Um Träume zu haben braucht man kein Bein sondern ein Herz. Und Verstand. Beides hast Du. Das mit dem Bein kriegste doch hin, verdammt es gibt Ärzte im Rollstuhl.
    Lass Dich nicht unterkriegen!
    Und schon gar nicht von einer neidischen Ärztin, die nicht damit klar kommt, dass Schützlinge über sie hinauswachsen können.
    Und das kannst Du!!

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  2. du kannst Menschen sogar sehr gut helfen, weil du nachvollziehen kannst, wie es einem ergeht auf der Seite des Patienten und oft wirkt allein Einfühlsamkeit schon wahre Wunder. ich weiß von einem Borderliner, der Professor ist und in einer Klink für Borderliner arbeitet – ein besseres Vorbild kann doch keiner geben,.,. ich kenne einen Rollifahrer, der einen Katamaran entworfen hat und mit dem – und einer Crew mit diversen weiteren Rollifahrern segeln geht -und dann sollst du nicht Ärztin werden können? Blödsinn… Ich wünsche dir viel Kraft und Freude auf deinem weiteren Weg :)!

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  3. Lass dich bloß nicht unterkriegen! Mir haben auch einige gesagt, ich würde das Studium nicht schaffen (Klassenkameraden zu Schulzeiten)… pfeif auf die Meinung anderer (es sei denn, diese Menschen sind dir wichtig)
    Ich werde mich mal durchlesen durch deinen Blog, das liest sich alles sehr interessant. Und danke fürs folgen 🙂
    Liebe Grüße und nen guten Rutsch ins neue Jahr!

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  4. Liebe Wheelie, danke für den Beitrag! Ich habe dadurch jetzt mehrere deiner Beiträge gelesen und staune, wie reflektiert man mit 15 Jahren schon sein kann! Wirklich toll, was ich über dich bisher lesen konnte. Ich studiere im 10. Semester Medizin und möchte dir sagen: zieh es durch! Du wirkst wie ein entschlossener, zielstrebiger Mensch, dann bringst du auch noch gute Noten mit, die dir die Suche nach dem Studienplatz erleichtern – das ist doch ein großartiger Punkt, um loszulegen. Aber ich kann verstehen, wie überrumpelt du von der Reaktion deiner (ehemaligen?) Lieblingsärztin sein musst.
    Vielleicht hat sie sich wirklich nur um deine Zufriedenheit gesorgt, vielleicht ist Neid wirklich ein Faktor. Vielleicht dachte sie nicht, damit bei dir so eine Erschütterung auszulösen.
    Ich möchte dich auf jeden Fall ermutigen, deinen Traum weiter zu verfolgen! Wahrscheinlich wird es ein schwerer Weg, aber kein unmöglicher! In der Medizin gibt es so vielfältige Möglichkeiten, so viele Menschen, die nach vorn schauen, einander weiterhelfen, kreative neue Gedanken und Lösungswege einbringen – da findest du bestimmt deinen Platz!

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