In den Medien wird derzeit häufig über Menschen mit Handicap berichtet. Es wird auf das Thema vermehrt aufmerksam gemacht. An sich ist es ja keine schlechte Sache – würden manche Journalisten nicht so häufig Sachen schreiben, wie zum Beispiel „An den Rollstuhl gefesselt“ oder „Tapfer wird das Schicksal gemeistert“. Es ist zum Kotzen.

Denn welcher Rollstuhlfahrer ist mit Ketten an seinem Rollstuhl gefesselt? Keiner. Wäre ja auch nicht menschenrechtskonform. Außerdem muss man mit einer Behinderung kein Schicksal „meistern“. Wir brauchen kein Mitleid und müssen beweint werden. (Jedenfalls ich nicht.) Den „normalen“ Menschen wird damit ein komplett falsches Bild von Behinderten gemacht, dass voller Vorurteile und Klischees ist. Solch ein Mist wird von gut gebildeten Journalisten geschrieben. Unfassbar.

Manchmal würde ich diesen Medienmenschen dann ihr Geschreibsel persönlich vor den Kopf werfen, weil diese Mitleidsnummer mich krank macht. Aber man kann auch andere, schwerwiegendere Fehler bei der Berichterstattung über Behinderte machen.

Den letzten großen Eklat gab es diesbezüglich am Mittwoch, wegen dem Nachruf auf den verstorbenen kleinwüchsigen „ALF“-Darsteller Michu Meszaros von der Süddeutschen Zeitung.

Der Autor Martin Zips bezeichnet darin Kleinwüchsige als „Hobbits“, „Liliputaner“, „Schlümpfe“ und „Zwerge“. Diese Worte sehe ich als beleidigend an. Diskriminierend. Denn ich kenne Menschen mit Kleinwuchs und die sind keine Fabelwesen! Keine Witzfiguren!

Hier nun ein Ausschnitt aus dem Artikel:

[…]Kleinwüchsige begeistern schon deshalb, weil von ihnen ein märchenhafter Zauber ausgeht. Weil sie wie Erwachsene wirken, die man in Kinderkörper gesteckt hat. Weil sie sich ähnlich komisch bewegen wie die schlaksigen Riesen Stan Laurel oder Jacques Tati.

Weil ihre Stimmen piepsen, als hätten sie Helium eingeatmet.
Die Tonlage von Kleinwüchsigen ist meist noch höher als die von Frauen. Das ist beeindruckend für all jene, die ihren Stimmbruch überstanden haben.[…]“

Er schreibt übrigens in einer Mail dazu, dass wir doch alle über uns selber lachen sollten und er sich angeblich über alle möglichen Menschen lustig mache. (Quelle: Ninia LaGrande) Sehr witzig, Herr Zips, SEHR WITZIG! Ich lach mich tot. *Ironie off*

Zum Thema „Helium“: Ich glaube, dass der Herr Zips vor dem Schreiben dieses Artikels etwas zu viel davon konsumierte. Anders kann ich mir dieses Geschreibe nicht erklären.

Auf Facebook und Twitter wurde daraufhin ein riesiger Shitstorm unter dem Hashtag #KeinZwerg losgetreten. Bekannte Menschen mit Kleinwuchs wie Raul Krauthausen mit seinen Projekten Leidmedien und SOZIALHELDEN e.V. und Michel Arriens unterstützen diese Aktion und zeigen deutlich ihre Erschütterung.

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Copyright by Ninia LaGrande

Am meisten beeindruckt mich jedoch der neue Blogbeitrag von Ninia LaGrande: #KEINZWERG – WARUM DIE DISKRIMIERUNG VON KLEINWÜCHSIGEN IMMER NOCH KEIN DING AUS DEM LETZTEN JAHRHUNDERT IST.

Dort schreibt sie:

[…]Ich bin Poetry Slammerin und Kabarettistin. Ich arbeite mit Humor. Ich würde mich durchaus als Humorexpertin bezeichnen. Leider hab ich während der Lektüre des Artikels nicht einmal gelacht. Irgendwo las ich mal: „Satire darf grundsätzlich alles. Sie ist nur schlecht, wenn sie nach unten tritt.“ Hier wurde sogar wortwörtlich nach unten getreten (haha), aber leider ist es dabei nicht einmal Satire. Es soll eine Würdigung sein. Eine Würdigung. Ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen. Auch Zips tut es leid, wenn sich jemand verletzt gefühlt hat. Seine Reaktion ist überheblich und abschottend. Bis jetzt hat es weder Zips noch jemand anders von der Süddeutschen Zeitung geschafft, sich für den Text an sich zu entschuldigen. Für die diskriminierenden Begriffe. Die Vorurteile und Klischees. Das ist so jetzt. Man entschuldigt sich nicht mehr für eigene Fehltritte, sondern nur dafür, dass diese vielleicht jene erreichen, die man mit diesem Tritt trifft.[…]

Und sie hat damit vollkommen recht. Es wird sich einfach nicht mehr für Fehltritte entschuldigt, sondern nur dafür, dass sie jemanden treffen könnten.

Die Süddeutsche Zeitung entschuldigte sich bereits mit den Worten:

„Am Mittwoch haben wir in der „Süddeutschen Zeitung“ sowohl in der gedruckten und digitalen Ausgabe als auch online den verstorbenen Schauspieler Michu Meszaros gewürdigt, der in der Fernsehserie „Alf“ den gleichnamigen zotteligen Außerirdischen spielte. In dem Nachruf gab es Formulierungen, die bei etlichen Leserinnen und Leser Unverständnis oder sogar Empörung hervorgerufen haben. Insbesondere kleinwüchsige Menschen fühlen sich verunglimpft, weil an einer Stelle von „Zwergen“ die Rede ist und weil sie sich durch Vergleiche diskriminiert sehen. Die Absicht des Textes war, menschliche Verschiedenheit als positiv und bereichernd herauszustellen. Doch insbesondere die Verwendung des Wortes „Zwerg“ läuft diesem Ziel zuwider, weil es Kleinwüchsige verletzt und sie nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft erscheinen lässt. Das war in keiner Weise beabsichtigt. Wir bedauern, durch missverständliche Formulierungen und Vergleiche die Gefühle von Leserinnen und Lesern verletzt zu haben und bitten hierfür um Entschuldigung.“

Aber wo bleibt die Entschuldigung von Martin Zips? Die wäre dringend nötig.

Vielleicht sollte er mal ein Journalistenseminar von Leidmedien besuchen. Dann würde er bestimmt überlegen, was und wie er so etwas schreibt. Das gilt auch für andere Journalisten.

Ob sich da bald was ändern wird, ist fraglich. Die Medien sind aber (meist) auf einem guten Weg. Die Journalisten müssen nur noch ein bisschen dazu lernen und Fettnäpfchen vermeiden. Ach so, man sollte am besten auch keine uralten Klischees ausnutzen. Dann steht einem guten Verhältnis zwischen Medien und Behinderten nichts mehr im Wege.

Wheelie

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5 Gedanken zu “Das Thema „Behinderung“ in den Medien + #KeinZwerg

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